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Erlebniswanderung im Kreis Wesel: Zwischen Kopfweiden und Schafen in Voerde

17.12.2021

Wandern im Winter? Klar! Unbedingt! Dass der Niederrhein jede Menge tolle Wanderrouten bereithält, habe ich euch ja schon mehrfach bewiesen. Dieses Mal bin ich im schönen Kreis Wesel unterwegs, der über 14 Wandertouren in Zusammenarbeit mit den Kommunen des Kreises erstellt hat. Mein Ziel: Tour 4 – die Rhein und Momm-Niederung in Voerde. Allein sind wir allerdings nicht unterwegs und werden einen Teil der Strecke von der Schafzüchterin Ute Sprock begleitet, die mir auch ihre Herde und die Wollwerkstatt zeigt. Was meine Highlights waren? Lest einfach weiter…

 

Vorab – heute ist das ungünstigste Wetter, um Wandern zu gehen – dicke, dunkle Wolken hängen in der Luft, es regnet und der Wind pfeift auch ganz ordentlich. Aber ihr kennt das Sprichwort ja schon von mir: Es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung. Und der Niederrhein ist schließlich bei jedem Wetter schön und erlebniswert.

Bestens ausgestattet mit einer warmen Jacke mit Kapuze, einem Schal, festem Schuhwerk und was zum Trinken, starten mein Fotograf und ich an einer der drei Einkehrmöglichkeiten am Rheindorf Götterswickerhamm direkt an der Rheinpromenade und zwar am Restaurant „Zur Arche“ (Rheinpromenade 2). Hier könnt ihr parken, aber auch am Parkplatzstraße Dammstraße am Storchennest ein Stückchen weiter. Insgesamt misst die Tour 11,7 Kilometer und dauert knapp drei Stunden.

Besonders im Winter ist diese Tour ein Erlebnis, geeignet für Familien mit Kinderwagen/Rollator mit überwiegend befestigten Wegen, Einkehrmöglichkeiten an der Wanderroute und besonderen Naturerlebnissen.

 

 

Der perfekte Rheinblick

Startet ihr, wie wir, am Restaurant, liegt hinter euch ebenfalls mit den Strandhaus Ahr (Ahrstraße 3) eine weitere Einkehrmöglichkeit sowie vor euch die Urweisse Hütte Rheinwacht (Dammstraße 46).

Als ich an der Außenterrasse des Restaurants „Zur Arche“ die Stufen hinab zur schmalen Rheinpromenade hinunter gehe, genieße ich erstmal den tollen Ausblick auf den Rhein, der gerade von Schiffen gut frequentiert wird. Dann halten wir uns rechts und folgen dem Rhein, der sich jetzt zu unserer Linken befindet. Vor uns ist ein Haus mit einem Storchennest, ein markanter Punkt des Örtchens. An dem Parkplatz, den ich euch schon als Ausweichparkplatz empfohlen hatte, halten wir uns links und nehmen den Weg, der uns hinauf auf den Deich und rheinabwärts über die befestigte Deichkrone führt.

 

 

Das Leichenhäuschen

Einige Schritte weiter sehen wir große Steinquader am Wegrand, die an ein Leichenhäuschen erinnern. Wollt ihr mehr darüber erfahren, könnt ihr ein „Hörerlebnis“ bzw. einen Audio-Guide wahrnehmen und die Nummer an der dortigen Infotafel anrufen. Auch ich probieren das mal aus und erfahre u.a., dass das Leichenhäuschen bis 1970 hier stand und darin Tote bis zur Bestattung aufgebahrt wurden, weil es keine Bestattungshalle im Örtchen gab. Das waren aber keine normalen Leichen, die zu Hause friedlich gestorben waren, sondern unbekannte Wasserleichen, die Opfer des Rheins geworden sind. Heute erinnert nur ein Gedenkstein an diesen skurrilen Ort, der damals tatsächlich auch von Verliebten als geheimer Treffpunkt genutzt wurde, weil man hier ungestört war.

Das Dorf Mehrum

Von hier aus genießen wir weiter den Blick auf den Rhein bis zum Dorf Mehrum, einer der ältesten Ortsteile der Stadt Voerde mit etwa 500 Einwohnern. Dort verlassen wir kurz nach einem kleinen Wald mit der Mehrumer Friedenseiche vor uns den Deich nach rechts, um direkt wieder nach rechts abzubiegen. Unterhalb des Deiches wandern wir gefühlt einige Meter zurück, um in einem scharfen Knick nach links der Schloßstraße durch den Ort zur Schulstraße zu folgen, die wir links einbiegen. Auf der anderen Straßenseite rechts treffen wir „In der Abtsmiers“ auf Schafzüchterin Ute Sprock, die uns ab jetzt begleitet.

 

 

Beeindruckende Kopfbäume

Aber nicht nur Ute lernen wir kennen, sondern auch einen ihrer Hunde, der Border Collie Dave. „Hier auf dem Teil der Wanderung findet ihr die urigsten Kopfeschen und Kopfweiden“, beginnt sie unsere kleine exklusive Tour. „Viele Kopfweiden sind schon mehrere hundert Jahre alt, teils von innen hohl oder schon total verformt, bleiben aber trotzdem stehen. Das sind schon zähe Burschen.“ Kopfweiden hat man übrigens damals, erzählt sie mir weiter, gerne in waldarmen Gegenden gepflanzt, weil sie das ideale Holz für Stiele für Werkzeug und Klumpen (= Holzschuhe), aber auch zum Verfeuern lieferten. Kopfweiden sind also nicht nur schön anzusehen, sondern waren auch von großem Nutzen. Die vorherrschende Kopfbaumart in der Gegend ist aber die Kopfesche. Nirgendwo sonst im gesamten Rheinland gibt es so viele Kopfeschen wie hier.

„Wir befinden uns auch gerade in einem Vogelschutzgebiet und der Steinkauz beispielsweise lebt besonders gerne in den Hohlräumen der Kopfweiden“, ergänzt Ute. „Und da vorne siehst du mitten im Feld Hecken aus Weiß- oder Schwarzdorn. Das ist auch ein altes System, das nicht nur zum Schutz vor dem Wind diente, sondern auch das Rindvieh „im Zaun hielt“.  Auf der ganzen Tour kann man in der Regel auch Störche und artiksche Wildgänse beobachten, haben aber heute leider kein Glück, vielleicht ja ihr.

 

 

Die Momm-Niederung

Die Abtsmiers verläuft übrigens in einem langgestreckten Rechtsbogen weiter durch die Momm-Niederung, einem Naturschutzgebiet das ca. 600 Hektar insgesamt umfasst. Namensgebend für diese Landschaft ist übrigens der Mommbach, der hier einem früheren Verlauf des Rheins folgt.

Der Weg führt jetzt geradewegs in die Straße „In den Schlägen“. Ganz in der Nähe entdecken wir die erste Schafherde von Ute, die direkt mit ein bisschen neuem Heu versorgt wird. Insgesamt hat Ute 60 Mutterschafe, aber auch zahlreiche Lämmer und Böcke. Aktuell sind das etwa 170 Tiere.

Die Liebe zum Schaf…

… begann übrigens schon vor über 40 Jahren. Da war Ute 15 Jahre alt und lebte auf dem Hof ihrer Eltern, die mit der Schafzucht begonnen hatten. 2007 kamen mehr Rassen dazu wie das Jakobschaf. „Ich habe damals die Wolle von dieser Rasse gekauft und war schwer begeistert. Außerdem bringen sie einen großen Nutzen, liefern gute Wolle, schmecken hervorragend und haben einen speziellen Geschmack, ein bisschen wie Wild. Was auch noch besonders ist: Sie fressen keine Bäume an, solange frisches Gras da ist, und dienen zur Landschaftspflege, wodurch der Steinkauz etwa besser jagen kann, was wieder dem Vogelschutz zugutekommt“, erklärt Ute.

Während ich Ute zuhöre, beobachte ich die ganze Zeit fasziniert die Schafe und eines fehlt mir besonders ins Auge. Als Ute das bemerkt, muss sie kurz lachen: „Das ist Nimrod, unser schönster Bock. Den habe ich 2015 in Schottland gekauft und er ist amtierender Bundessieger der Jakobschafe.“ Da habe ich ja anscheinend wirklich einen guten Geschmack… zumindest was Schafe angeht. 😉

 

 

Das Warftendorf Löhnen

Dann verlassen wir die Herde und es geht weiter. Während wir links in die Lübdingstraße einbiegen, sehen wir zu rechten einen Bauernhof auf einem Erdhügel (= Warft) – typisch für das Warftendorf Löhnen, in dem wir uns jetzt befinden. „Früher wurden viele alte Häuser hier erhöht gebaut, um diese vor einer Überflutung zu schützen. Löhnen ist übrigens auch das südlichste Warftendorf am Rhein“, ergänzt Ute.

Alte Streuobstwiesen

Hier machen wir übrigens einen kurzen Abstecher zur nächsten Schafherde von Ute, die sich auf einer Streuobstwiese in der Nähe des Krummackerwegs befinden. Dazu geht es querfeldein und wir versuchen mal mehr und mal weniger erfolgreich den größten Matsch-Pfützen auszuweichen. Als wir die eingezäunte Herde fast erreicht haben, erklärt mir Ute, dass die Bäume der Streuobstwiese teilweise um die 100 Jahre alt sind und man versucht, diese im Sinne des Naturschutzes zu erhalten. Gleichzeitig bietet diese und viele andere Streuobstwiese am Niederrhein auch jede Menge Lebensraum und Nahrung für viele verschiedene Tierarten. Hättet ihr gewusst, dass Streuobstwiesen zum Immateriellen Kulturerbe gehören?

„Am besten gehen wir nicht zu nah an den Zaun, da ist Strom drauf, damit der Wolf meine Schafe nicht reist. Bisher hatte ich auch Glück, aber die Einschläge kommen näher“, ergänzt Ute als wir vor der Herde stehen, die gerade fleißig grast und auch hier Landschaftspflege betreibt. „Das ist eine Zuchtgruppe mit einem neuen, männlichen Tier, das du an den gebogenen Hörnern erkennst. Der Bock muss jetzt beweisen, ob wir uns bald über kleine Lämmer freuen können. Und da vorne siehst du die französische Milchschafrasse Lacaune. Jedes Schaf hat auch einen Namen und eine Art Ausweis, in dem bestimmte Eigenschaften hinterlegt sind, die auch geprüft werden. Darunter fallen Kriterien wie die Fleckenanzahl, das Hörnerwachstum und vieles mehr.“

Da noch ein letztes, tolles Highlight – die Wollwerkstatt von Ute – auf uns wartet, reißen wir uns von den Schafen los und wir bewältigen die letzten Meter. Die Lübdingstraße geht jetzt geradeaus in die „Oberer Hilding“ über und schwenkt an einer Gabelung links in die Straße „Unterer Hilding“ ein. Diese bringt uns durch eine Siedlung zur Dammstraße und auf der anderen Straßenseite liegt unser Parkplatz wieder.

 

 

Die Wollwerkstatt

Jetzt machen wir endlich einen Abstecher in die Wollwerkstatt von Ute, die sich mit mehreren Spinnerinnen teilt und sich „Im Hundsbusch“ im Voerder Ortsteil Stockum befindet. „Ich habe gestern schon unseren alten Specksteinofen angeschmissen, damit wir es nach dieser winterlichen Wanderung schön warm haben“, verrät uns Ute und der Plan ist aufgegangen. Etwas Feuerholz lädt sie aber noch nach und erzählt uns dabei über ihre Werkstatt, die ich mir in aller Ruhe anschaue. „2013 habe ich hier angefangen, aber schon vorher in privaten Räumlichkeiten Spinnkurse angeboten. „Ich freue mich sehr, dass ich das Handspinnen, aber auch das Weidenflechten – zwei alte Handwerke – hier anbieten darf und dazu beitrage, dass diese nicht aussterben und in die Moderne transportiert werden“, freut sich Ute.

Auch ich muss mich mal kurz an ein Spinnrad setzen, natürlich direkt am warmen Ofen, und „spinne“ unter Anleitung von Ute ein bisschen vor mich hin. Irgendwie hat das Spinnen schon nach der kurzen Zeit etwas Beruhigendes, selbst, als ich Ute als Profi dabei beobachte, wie sie meisterhaft das Spinnrad bedient.

 

 

Ihr wollt auch mal spinnen?

Ihre Kurse richten sich übrigens u.a. an blutige Anfänger, an Senioren und Kinder ab fünf Jahren, aber es finden hier auch regelmäßig Spinntreffen statt. „Insgesamt drei bis vier Mal im Monat ist hier was los und die Teilnehmer kommen teilweise von weit her aus dem Siegerland, Velbert oder Kleve.

Wenn ihr auch Lust habt, mal zu spinnen, bekommt ihr nähere Infos, wenn ihr Ute direkt anmailt: info@stockumerwollwerkstatt.de. Spinnkurse bietet Ute für kleine Gruppen an, ein Kurs dauert etwa 3,5 Stunden und ihr und bis zu drei weitere Personen bekommen ihre volle Aufmerksamkeit, inklusive Getränke und Material für 45 Euro pro Person; ein Einzelspinnkurs gibt es für 60 Euro. Ein Weidenflechtkurs dauert etwa sechs bis sieben Stunden und kostet 65 Euro, ebenfalls inklusive Getränke und Material.

Wenn ihr einen Spinn- oder Weidenflechtkurs gerne zu Weihnachten verschenken wollt, gibt es natürlich auch Gutscheine.

Mehr über die Tour erfahrt ihr übrigens hier. Und wenn ihr die weiteren Wandertouren im Kreis Wesel kennenlernen wollt, solltet ihr euch diese übersichtliche Wanderbroschüre merken.

P.S.: Und wenn ihr immer noch nicht genug habt… hier findet ihr mehr über die TOP-Wandertouren des Kreises Wesel und hier eine kleine Liste mit weiteren Voerder Wanderrouten.

 

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Über mich

Ich bin Nicole, freie Journalistin, waschechte Niederrheinerin und ganz verliebt in meine Heimat!

Ich möchte euch mit zu meinen Lieblingsplätzen nehmen, Menschen und Unternehmen vorstellen, die den Niederrhein ausmachen, von tollen Events berichten, euch interessante Insider-Tipps in Sachen Shopping, Restaurants & Co. geben und noch vieles mehr – ihr dürft gespannt sein!

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