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Geschichte erwandern – Teil 1: 18 Stationen und 18 Geschichten in Wachtendonk

02.02.2024

Bereit für eine neue Rubrik? Ab sofort stelle ich euch unterschiedlichste Routen und Wanderwege vor, auf denen ihr nicht nur unberühte Natur oder zauberhafte Städte erkunden, sondern auch hautnah Geschichte erleben könnt. Mein erstes Ziel ist Wachtendonk und der Rundgang „Geschichte zum Anfassen“. Im historischen Ortskern könnt ihr auf einem 1,8 Kilometer langen Rundweg an 18 Stationen 18 Geschichten entdecken. Lust auf einen kleinen Vorgeschmack?

 

Als wir im historischen Ortskern von Wachtendonk ankommen, habe ich das Gefühl, dass wir uns in einer anderen Zeit befinden. Alte, charmante Häuser und schmale Gassen dominieren hier das Stadtbild, das zusammen mit bezaubernden Läden und Cafés einen ganz besonderen Charme ausstrahlt. Mit rund 120 denkmalgeschützten Gebäuden steht der historische Ortskern übrigens schon in seiner Gesamtheit unter Denkmalschutz und gehört zur nordrhein-westfälischen „Arbeitsgemeinschaft Historische Stadt- und Ortskerne“.

Erster Stopp: Tourist-Information

Wir parken ganz bequem auf der Weinstraße und holen uns als erstes den Flyer für meinen Rundgang „Geschichte zum Anfassen“ in der Tourist-Information, die sich im Haus Püllen auf der Feldstraße 35, nur wenige Meter von unserem Parkplatz entfernt, befindet. Das Haus Püllen ist übrigens auch eine Station von rund 18 Stationen, hinter denen sich auch 18 Geschichten verstecken. Alle Stationen sind mit kleinen quadratischen Schildern gekennzeichnet, die mehr über die Geschichte hinter den Gebäuden verraten.

 

 

Haus Püllen – Station 11

Das Haus Püllen gehört zu den ältesten Baudenkmalen Wachtendonks und wurde vor 1634 erbaut. Wie durch ein Wunder ist das Gebäude mit dem barocken Doppelgiebel nicht nur von den Kriegen der letzten Jahrhunderte verschont geblieben, sondern auch von dem großen Stadtbrand 1708.

In den vielen Jahren hat das Haus Püllen aber nicht nur bauliche Veränderungen erfahren, sondern auch verschiedene Nutzungen von der Weinhandlung und Tonpfeifenfabrik über Schreinerei und Schenkwirtschaft bis hin zur Discothek. Einige denkmalwerte Zeugnisse sind allerdings erhalten geblieben, wie die Seiteneingangstür mit der sternförmigen, stark profilierten Füllung und der Fliesenbelag im Eingang des Foyers. Seinen Namen erhielt das Haus übrigens von der Familie Püllen, die dieses seit der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts besaß.

Heute sitzt hier nicht nur die Tourist-Information von Wachtendonk, sondern auch das Informations- und Bildungszentrum des Naturparks Maas-Schwalm-Nette. Hier könnt ihr anhand von 12 handlungsorientierten Modellen die Entwicklung der Natur, Kultur und Landschaft des Naturparks von der vorletzten Eiszeit bis heute verfolgen. Zusätzlich gibt es Wechselausstellungen und einen Bauerngarten mit Staudenpflanzen, Kräuter- und Nutzpflanzenbeeten, der zur Erholung dient.

 

 

Alle Bereiche schaue ich mir natürlich kurz an und bekomme von Alex von der Tourist-Information eine kleine Führung bis in den Bauerngarten. Was man von außen nicht vermutet: das Haus Püllen ist viel größer, als man denkt. Am meisten beeindruckt hat mich tatsächlich der Bauerngarten, der zwar aktuell sich nicht in seiner besten Form zeigt, aber ich kann es mir sehr gut vorstellen, wie alle Stauden, Kräuter & Co. bald blühen und erstrahlen.

Besonders gut finde ich, dass das Thema Barrierefreiheit aufgegriffen wurde und auch Rollstuhlfahrer bequem unter den Kräuterhochgarten fahren und an den Kräutern schnuppern können. „Wir machen auch bald wieder ein Gemüsebeet und auf der anderen Seite wohnt ein Bienenvolk direkt neben einer Streuobstwiese, die schon oft Kulisse für Events bei uns war“, erklärt mir Alex. „Unser Bauerngarten ist quasi ein Symbol für eine heile (Um)-Welt und dient vielen bedrohten Tierarten Lebensraum.“

Lohmühle – Station 1

Jetzt starten wir aber mit dem eigentlichen Rundgang und gehen zur ersten Station – die Lohmühle. Als wir das Haus Püllen verlassen, halten wir uns rechts und folgen der Feldstraße bis fast vor der Brücke. Nach wenigen Metern liegt die ehemalige Wassermühle aus dem 18. Jahrhundert auf der rechten Seite etwas zurück, die im Jahre 1896 zum Wohnhaus umgebaut wurde.

Früher wurde hier für die örtlichen Gerbereien die Gerberlohe – zerkleinerte und gemahlene pflanzliche Gerbmittel – hergestellt. Der Mühlenantrieb erfolgte damals durch das Wasser des Stadtgrabens.

 

 

Schwarzer Adler – Station 2

Auf dem Weg haben wir eigentlich auch schon die zweite Station passiert – der Schwarze Adler. Diese befindet sich ebenfalls auf der Feldstraße mit der Hausnummer 16, als wir quasi wieder in Richtung Haus Püllen gehen. Es ist ein beeindruckendes Gebäude mit einer Fassade mit Treppengiebeln aus dem 19. Jahrhundert, erbaut wurde es aber schon 1610. Auch dieses Gebäude wurde nicht nur als Hotel, sondern auch mal als Brauerei genutzt.

Das Besondere: In Höhe des Gebäudes stand das 1490 erstmals erwähnte Feldtor der Stadtbefestigung, dessen Fundamente im Jahre 1991 bei Bauarbeiten sichtbar wurden. Der heute am Gebäude sichtbare „Schwarze Adler“ ist ein Werk des Künstlers Dieter von Levetzow, der nach dem 2. Weltkrieg an Stelle des im Krieg beschädigten Adlers dort angebracht wurde.

 

 

Mehrere Stationen auf einen Streich

Von hier aus gehen wir wieder nur ein paar Schritte und biegen rechts in die Kirchstraße ab, eine kleine Gasse mit weiteren zauberhaften Häuschen, die vor der Tür mit Bänken und Stühlen bestückt sind.

Zielstrebig steuern wir eine gelbe, hufeisenförmig um einen kleinen Hof gruppierte Gebäudeanlage an – das Alte Kloster „Thai Josaphat“. 1430 war es ein Tertiarierinnenkloster, gegründet von Wilhelm von Wachtendonk, das 1516 durch einen Brand weitestgehend zerstört wurde. Heute befindet sich hier das Bürgerhaus mit Trauzimmer, ein Pfarrheim und eine katholische öffentliche Bücherei.

Direkt daneben finden wir die vierte Station in Form der Pfarrkirche St. Michael, das Pfarrhaus auf dem Kirchplatz 2 (Station 5) und das ehemalige St. Ferdinand-Hospital (Station 6). Optisch hat mich besonders das Pfarrhaus begeistert, das wie eine Villa aus einem amerikanischen, historischen Film aussieht: etwas zurückliegend, eine große Einfahrt, eine wunderschöne, verschnörkelte, schwarze Tür mit einer Lampe über dem Eingang und hell abgesetzte Fenster. Mehr Informationen über die Geschichte hinter den Gebäuden, entnehme ich wieder den Schildern, die jeweils gut sichtbar angebracht sind.

 

 

Von Station 7 bis 9

Um zu den weiteren Stationen zu gelangen, gehen wir am Hospital vorbei und die Klosterstraße weiter entlang. Dann erreichen wir schon die Station 7 – die Bruchstraße 9, ein Wohnhaus mit Fachwerkkern aus dem 18. Jahrhundert. Auch diese Straße gehen wir weiter bis wir wieder links zur Weinstraße kommen, auf der wir geparkt haben.

Die Weinstraße hat es mir besonders angetan. Zum einen gibt es gleich zwei Stationen und zum anderen auch tolle Läden und Cafés. Die Station 8 gefällt mir besonders gut – die Weinstraße 20 auf der rechten Seite, die mich mit einem schönen, weißen Äußerem verzaubert. Das Haus aus der Wende des 16./17. Jahrhunderts wurde beim großen Stadtbrand 1708 ebenfalls im Wesentlichen verschont. Als Dank setzten die Bewohner, nachdem sie einen neuen Giebel erbauen ließen, auf der Spitze einen Stein mit der lateinischen Inschrift „Ihr kennt weder den Tag noch die Stunde“.

Hinter Station 9 verbirgt sich die Weinstraße 8 mit einem großen, zweigeschossigen Backsteinwohnhaus, das um 1669 erbaut, lange Zeit das Wohnhaus der Amtmänner der Stadt und des Landes Wachtendonk war.

 

 

Besonderer Einzelhandel & Cafés

Es lohnt sich aber, wie schon angedeutet, noch kurz auf der Weinstraße zu bleiben, denn hier gibt es ganz besondere Einzelhändler und Cafés. Ich mache einen kurzen Abstecher in den Concept-Store „Herzlich“ (Weinstraße 13) und bin vom Sortiment begeistert und muss mich erstmal in Ruhe umschauen – Feinkost, Deko und Geschenkideen treffen bei Inhaberin Simone Hoene auf Schreibwaren, Bücher, Schmuck, Trockenblumen, Porzellan, Kerzen und vieles mehr.

Mittendrin entdecke ich auch das Granola von Barni & Wilma und natürlich meine Niederrhein Fräulein-Edition. Simone verrät mir sogar, dass meine Sorte sehr beliebt in ihrem Laden ist, was mich sehr freut. Ein paar Sachen müssen auch mit, wie ein paar lustige Postkarten, einen kleinen individuell zusammengestellten Trockenblumen-Strauß, die Kerze „Cremiges Eis bei Sonnenschein“ von der Manufaktur Dufte und Tea Blobs – nachhaltiger Tee ohne Beutel. „Wir haben Produkte für die ganze Familie und sind so nicht nur ein Concept-Store, sondern auch ein Treffpunkt für alle Generationen“, erklärt Simone ihr Konzept.

Ich komme definitiv wieder und bevor es weiter geht, werfe ich noch einen Blick in den Laden direkt neben ihr – Hand & Feuer. Auch das Konzept überzeugt mich: Produkte für Camping-, Surf-, Hike-, Van- und Bike-Passionierte.

Wer zwischendurch eine kleine Stärkung braucht, wird auf der Weinstraße ebenfalls fündig, u.a. bei Biankas Waffelhaus (Weinstraße 5). In dem Familiencafé gibt es frische Waffeln, die mit viel Liebe gebacken sind… und das von süßen bis hin zu herzhaften Varianten. Kleiner Tipp: dienstags ist hier Flammkuchentag.

 

 

Von Station 10 bis 12

Für uns geht es nach dem kleinen Stopp weiter in Richtung Station 10 auf der gleichen Straße – das Rathaus. Das alte ursprüngliche Rathaus wurde beim Stadtbrand vernichtet und 1712 neu errichtet. Aber auch dieses wurde 1841 dem Erdboden gleich gemacht und es entstand ein Neubau unter Beibehaltung des Grundrisses und teilweiser Verwendung der alten Bausubstanz an gleicher Stelle. Bis 1873 war hier allerdings nicht nur das Rathaus, sondern auch das Friedensgericht untergebracht. Heute besteht das Verwaltungsgebäude durch weitere Umbaumaßnahmen aus drei Gebäudekomplexen.

Die nächste Station 11 ist das schon besuchte Haus Püllen und daher gehen wir am Rathaus nach rechts in die Mühlenstraße bis zur Hausnummer 25 – die Station 12. Das Besondere hier: Hinter diesem Haus lag die Wassermühle der Stadt Wachtendonk, die in die Stadtmauer eingebaut war und durch die an der Stadtmauer vorbeifließende Niers angetrieben wurde. Bedingt durch die tiefe Lage kam es oft zu Überschwemmungen, so dass man z.B. in den Jahren 1775 und 1784 mit einem Kahn durch die Straße fahren konnte.

 

 

Ehemalige Seidenweberei – Station 13

Vorbei an wunderschönen weiteren Stadthäusern laufen wir am Ende der Straße fast schon auf die Station 13 zu – die ehemalige Seidenweberei. Das langgestreckte, zweigeschossige, weiß verputzte Herrenhaus mit dem markanten korbbogigen Eingang fällt schon vom Weiten ins Auge, wirkt sehr dominant und steht unter Denkmalschutz.

1908 wurde es erbaut und beheimatetet die Firma Deuß und Oetker Seidenweberei. Bis zur Aufgabe des Betriebsstandorts 1967 war die „Verseidag“ größter Arbeitgeber am Ort mit bis zu 300 Beschäftigten. Danach wurde das Gebäude zur Fabrikation für selbstklebende Erzeugnisse genutzt.

Interessant ist auch die Tatsache, dass sich an diesem Gebäude früher das Burgtor mit Durchgang durch die Stadtmauer zum befestigten Burgplatz befand.

 

 

Pulverturm – Station 14

Unmittelbar daneben steht mit der Station 14 schon das nächste imposante Bauwerk – der Pulverturm, ein zweigeschossiges Backsteingebäude mit quadratischem Grundriss und ungewöhnlich abgestuftem Renaissancegiebel.

Neben der Burgruine ist der Pulverturm wohl der einzige noch sichtbare oberirdische Hinweis der einstigen Festungsanlage. Ursprünglich fungierte der Pulverturm als Lager für Armenbrot und beherbergte in den Kellergewölben bis 1812 das städtische Gefängnis.

Im Verlauf des 19. Jahrhunderts wurde das Gebäude zu Wohnzwecken umgestaltet. Durch eine umfassende Sanierung erlangte das historische Bauwerk schließlich sein ursprüngliches Erscheinungsbild zurück. Seit 1985 dient es als Restaurant.

Die Schanz…

Von hier aus erreicht ihr mit ein paar mehr Metern die ehemalige Burganlage der Festung Wachtendonk (Station 15) sowie den früheren Kleinbahndamm (Station 16) und steuern jetzt die letzten beiden Stationen an – die Schanz und den Prinzenhof.

Wir gehen auf dem Rückweg also wieder gegenüber der Seidenweberei in die Neustraße und kurz vor der nächsten Stichstraße „An der Schanz“ befindet sich die nächste Station „Schanz“ – ein Gebäude, mit einem geschweiftem Giebel aus der Zeit um 1680. Vermutlich haben Bewohner des Ortes hier zu Kriegszeiten Schutz gesucht, sich „verschanzt“.

 

 

… und der Prinzenhof

Die letzte Station, die sich nur wenige Meter die Neustraße hoch auf der linken Seite befindet, wirkt ähnlich imposant, wie die Seidenweberei und zählt zu den historisch ältesten Gebäuden in der Ortschaft. Der Backsteinbau mit einer vorstehenden Durchfahrt an der Front entstand im Jahr 1620 nach der Zerstörung der Burg und der Beseitigung der Festungswerke durch Arnold III. Huyn-Geleen, den damaligen Herrn von Wachtendonk. Im Volksmund wurde das Gebäude u.a. auch „Haus Wachtendonk“ genannt.

Von hier aus erreichen wir wieder unseren Ausgangspunkt und haben viel über die Geschichte Wachtendonks erfahren. Mir hat es auf jeden Fall Spaß gemacht, sich an der frischen Luft zu bewegen und dabei noch etwas zu lernen.

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Über mich

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