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Die Beecker Erlebnismuseen: Be-Greifen, Staunen und Lernen

07.02.2020

Erlebt das blaue Wunder im Flachsmuseum oder taucht ein in die Welt der europäischen Volkstrachten im Trachtenmuseum – der Heimatverein Wegberg-Beeck hat gleich zwei liebevoll gestaltete Erlebnismuseen geschaffen, die ich beide besuchen durfte. Achtung Spoiler: Ich hatte einen tollen Nachmittag, habe viel gelernt und bin immer noch ganz überrascht, wieviel alltägliche Sprichwörter etwas mit dem Flachs zu tun haben. Und der Eintritt ist sogar frei!

Sich für seine Heimat einsetzen und alte Traditionen wieder aufleben lassen – dafür steht der  Heimatverein Wegberg-Beeck. Ich finde es bewundernswert, dass es noch Vereine wie diesen gibt, die etwas für ihre Heimat tun und hier mit gutem Beispiel voran gehen. Über 160 Mitglieder hat der Heimatverein und 60 davon sind sogar aktiv, darunter Georg Wimmers, Dieter Göris und Gregor Laufenberg. Alle drei Herren lerne ich heute persönlich kennen und freue mich schon auf eine exklusive Führung durch die Erlebnismuseen.

Startpunkt Flachmuseum

Unser Treffpunkt: Das Flachsmuseum an der Holtumer Straße in Wegberg-Beeck. Auf Georg Wimmers, den Leiter des Museums und Vorstandsvorsitzender des Heimatvereins,

treffe ich als erstes und er zeigt mir die Anlage erstmal von außen. „1987 wurde das Gelände hier mit der alten Zehntscheune angekauft, umgebaut und schon im September 1988 teileröffnet. 1989 wurde der Museumsbau dann abgeschlossen“, erklärt mir Georg Wimmers. „Aber gegründet wurde der Heimatverein schon 1983 und der erste Museums-Standort war damals die alte Schmiede Mühlenbroich.“

Von Anfang an kooperiert der Heimatverein auch mit Schulen und trägt so dazu bei, dass die Vergangenheit nicht in Vergessenheit gerät. Unterstützt wird das Ganze von der Kreissparkasse Heinsberg. „Ich besuche dann die Schulklassen und wir säen z.B. zusammen Flachs aus oder die Schüler kommen zu uns und machen bei uns ihr Flachsdiplom“, erklärt Georg Wimmers weiter. Über 600 Grundschüler aus dem Kreis Heinsberg kommen dann regelmäßig ins Flachsmuseum, aber auch viele Gruppen mit Erwachsenen sind oft zu Gast, erzählt mir der Leiter auf dem Weg –  vorbei an einem kleinen Gartenbereich des NABU mit Färberpflanzen und Obstbäumen mit alten Sorten – zurück zum Eingangsbereich des Museums.

Das perfekte Ausflugsziel für Gruppen

Hier treffen wir dann auch auf Dieter Göris, den Geschäftsführer des Flachsmuseums und stellvertretender Vorstandsvorsitzender des Heimatvereins, der mir zusammen mit Georg Wimmers das Museum von innen zeigt. „Geradeaus ist unser Veranstaltungsraum, in dem bis zu 95 Personen passen und den wir auch vermieten. Bei uns können Gruppen nach einem geführten Rundgang etwa Frühstück, eine niederrheinische Kaffeetafel, hausgemachten Kuchen & Co. genießen und haben etwa vier Stunden lang Unterhaltung pur und das zu einem kleinen Preis“, berichtet Dieter Göris. „Und links hier ist unser kleines Leinenlädchen. Hier kann man kleine Andenken kaufen vom Leinenband über Literatur rund um Leinen bis hin zu selbstgemachter Marmelade und Eierlikör. Unser Besucher nehmen sich gerne eine kleine Erinnerung an ihren Besuch bei uns in Flachsmuseum mit“, ergänzt Georg Wimmers.

Hättet ihr gewusst, dass Flachs zu den ältesten Kulturpflanzen der Menschheit zählt? Sein lateinischer Name „linum usitatissimum“ bedeutet: der sehr Nützliche. Darin kommt die hohe Wertschätzung für den Flachs zum Ausdruck, der als Ölfrucht, Heilpflanze und als Rohmaterial für echtes Leinen dient. Der im Sommer voll in blauer Blüte stehende Flachs war bis vor einigen Jahrzehnten am Niederrhein ein weithin leuchtendes Kennzeichen. Vor allem Beeck, im Volksmund damals als „Flaasbeek“ genannt, galt als bekanntes Zentrum des hiesigen Flachsanbaus und darauf ist der Heimatverein natürlich besonders stolz.

“Ich hab den Bogen raus”

Unser nächster Stopp ist gleich das Herzstück des Flachsmuseum – die Zehntscheune mit jeder Menge alter Gerätschaften. Der Weg vom Leinsamen über die Flachspflanze bis zum fertigen Leinen wird hier anschaulich erklärt und bald auch multimedial mit Videos unterstützt. Mir war es ehrlich gesagt bis dato erstmal neu, dass sich der Leinsamen, den ich immer auf meinem Mehrkornbrötchen & Co. habe, in der Knospe der Flachspflanze befindet. Und auch die vielen einzelnen Schritte, die nötig sind, um Flachs zu bearbeiten, lässt mich staunen. Während mir Georg Wimmers alles detailliert erklärt, benutzt er auch immer wieder Sprichwörter, die man zwar kennt, aber deren Herkunft mir gar nicht bewusst war. Wie etwa „sich verhaspeln“, wenn man sich z.B. verspricht. Die Flachsfäden mussten damals auf gleiche Länge gebracht werden und dies tat man mit einer Haspel. Exakt 60 Runden musste Mann auf der Haspel drehen, waren es weniger Runde, sagte man, er hat sich verhaspelt. Oder dass jemand „den Bogen raus hat“, etwas gut beherrscht quasi, stammt ebenfalls aus dem Bereich Flachs. Hergeleitet wurde das vom Garnbogen, den der Weber mit dem Schussfaden in das Gewebe einlegen muss, um ein Zusammenziehen des Gewebes zu vermeiden – den Bogen heraushaben. Total spannend, wie viele Sprichwörter und Redensarten sich um den Flachs drehen.

Flachsdiplom to go

Ebenso spannend finde ich, dass man hier auch, wie am Anfang schon kurz erwähnt, ein Flachsdiplom machen kann. „Wir arbeiten auch mit der Hochschule Niederrhein zusammen. Im letzten Jahr haben über 200 Studenten bei uns ihr Flachsdiplom erfolgreich abgeschlossen, dafür bekommen sie wichtige Punkte fürs Studium“, erklärt Gregor Wimmers. Aber was muss man für ein Flachsdiplom überhaupt tun? „Mit Erfolg an der Flachsverarbeitung teilnehmen und die Bedingungen für das Flachsdiplom mit den Arbeitsschritten Brechen, Schwingen, Hecheln und Weben erfüllen.“ Hört sich definitiv nach einem Diplom an, dass Spaß macht! „Das ist uns auch sehr wichtig, dass jeder hier bei uns eine gute Zeit hat. Übrigens: Kein Besucher geht alleine durch das Museum, wir begleiten und erzählen dabei Anekdoten und machen das Museum so ein Stück weit noch lebendiger“, erklärt Dieter Göris.

Komm, wir machen eine Fahrt ins Blau

Lebendig wird es auch in der ersten Etage des Museums. Hier kann man direkt einen Drohnenflug über ein wunderschönes Flachsfeld in Holland auf einem riesigen Fernseher bewundern. „Damals war es ein üblicher Brauch an schönen Tagen mit der ganzen Familie durch die blaublühenden Flachsfelder zu gehen, daher kommt auch die Redensart `Komm wir machen eine Fahrt ins Blaue`, erklärt mir Georg Wimmers. Und schon wieder verfalle ich ins Staunen und habe wieder etwas dazugelernt. Vorbei an einer Spinnstube von 1837 kommen wir in den Ausstellungsbereich, in dem die Aussteuer (= Vermögen in Form von Gütern und Hausrat) gezeigt wird, die man früher als junge Dame mit in die Ehe bringen musste. Wenn die künftige Braut mit reicher Leinenmitgift wie Küchenhandtücher, Bettwäsche & Co. ausgestattet war, die, wie ich schon gelernt habe, aus Flachs entsteht, war sie „gut betucht“.

Jetzt haben wir auch schon den letzten Raum des Flachsmuseums erreicht, der aber aktuell noch leer ist. Hier wird im September zum Flachstag eine neue Dauerausstellung eröffnet, verrät mir der Leiter. Das Thema: Nachhaltigkeit und die verschiedenen Verwendungsbereiche von Flachs in der heutigen Zeit mit dem Frauenhofer-Institut als Partner.

Größte Trachtenausstellung Europas

Aber mein Nachmittag ist noch lange nicht zu Ende. Jetzt freue ich mich auf das Trachtenmuseum gleich um die Ecke, durch das mich der künstlerische Leiter des Museums Gregor Laufenberg führt. Schon die Eingangstür ist traumhaft, ein Relikt aus dem Jahre 1870, wie ich erfahre. „Das Gebäude selbst war einst das Bürgermeisteramt und beherbergt heute über 150 europäische Volkstrachten – die größte Ausstellung Europas“, berichtet Gregor Laufenberg stolz. Sehr beeindruckend und ich bin schon gespannt, welche Geschichten sich hinter den Trachten verbergen. „In den beiden Räumen im Erdgeschoss hatten wir bis vor kurzem eine Schmuckausstellung und ab März wird es eine Schürzenausstellung geben.“ Mit unserem Rundgang beginnen wir ganz oben: „Wir haben hier Trachten aus 60 verschiedenen Ländern bzw. Dörfern. Ganz oft gehört zu den Trachten auch ein Hut, denn früher glaubte man, dass im Haar die Seele sitzt und böse Geister über die Haare in den Körper gelangen“, erzählt mir der Leiter weiter, der schon seit zwei Jahren durch das Trachtenmuseum führt. Das war mir bis dato neu, aber erklärt natürlich die zahlreichen Hüte, die auch schon mal etwas abstrakter ausfielen. Mein Blick fällt dabei auf die seltsame Schlaufenhaube, die im Fürstentum Schaumburg-Lippe getragen wurde. „Das war 1860 das Mode-Highlight in Spanien und das Fürstentum musste den Trend natürlich auch mitmachen“, lacht Gregor Laufenberg. Witzig, dass man Modetrends auch damals schon aufmerksam verfolgte. In der damaligen Zeit waren Trachten aber auch der Beweis, dass Kleidung nie einfach nur Kleidung war, sondern immer auch Kommunikationsmittel. An der Tracht eines Menschen ließen sich Beruf, Stand und Vermögen ablesen: „Je reicher der Bauer, desto mehr Silber an der Brust.“

Mein Favorit: die schwedische Tracht

Auch an den weiteren Trachten-Stationen erfahre ich Interessantes und Überraschendes von Gregor Laufenberg. So konnte man in Hessen an der Schürzenfarbe erkennen, wie der Stand der Frau ist: rot ist unverheiratet, grün frisch verheiratet, blau zehn Jahre verheiratet, lila junge Witwe usw.. Eine Etage tiefer, inmitten einer Vielzahl niederländischer Trachten, finde ich besonders die Geschichte erstaunlich, dass Jungen bis acht Jahren früher auch Kleider getragen haben. „Damals gab es eine hohe Jungensterblichkeit und durch die Tarnung hoffte man, dass der liebe Gott den Jungen verschont“, erzählt mir Gregor Laufenberg.

Bei der ganzen Trachtenvielfalt überlege ich die ganze Zeit, welche Tracht mir am besten gefällt und am Ende habe ich meinen Favoriten gefunden – die schwedische Tracht, weil sie so schön bunt und ein bisschen anders ist. „Meine persönliche Lieblingstracht ist die vom Salzburger Land, sehr edel und aufwändig bestickt“, verrät mir Gregor Laufenberg, der übrigens selber früher in der Bekleidungsbranche tätig war. Schön, dass das Trachtenmuseum dazu beiträgt, dass auch kommende Generationen die Möglichkeit haben, zu sehen, wie die Menschen in der damaligen Zeit gekleidet waren und welche tollen Geschichten dahinterstecken.

Mein Fazit: Die Erlebnismuseen vom Heimatverein Wegberg-Beeck halten defintiv, was sie versprechen – sie sind lebendig, machen einfach Spaß und man lernt dazu noch einiges. Ich bin immer noch ganz begeistert von den ganzen Sprichwörtern und Redensarten, die man zwar kennt, aber nicht weiß, wo sie herkommen. Kurz – ich kann euch einen Besuch im Flachs- und Trachtenmuseum nur empfehlen!

Gut zu wissen

Rad- und Wanderfans aufgepasst! Der Heimatverein hat 2017 eine Flachsroute konzipiert, die ihr hier findet: https://heimatverein-beeck.de/flachsroute/ : Auf malerischen Wegen an Bächen und Mühlen vorbei führt der Weg durch abwechslungsreiche Bruch- und Waldgebiete bis wieder zurück zum Flachsmuseum. Die reine Gehzeit für die 13 km lange Flachsroute beträgt etwa 3,5 Stunden, die erweiterte Tour für waldweg-erfahrene Radwanderer ist 28 km lang, die reine Fahrzeit beträgt hier etwa 2,5 Stunden. Buchbar ist diese Tour für Gruppen ab 10 Personen inklusive einer Niederrheinischen Kaffeetafel als Abschluss.

Geöffnet sind die Erlebnismuseen wieder regelmäßig ab März sonntags von 14 bis 17 Uhr, allerdings sind Museumsführungen in beiden Museen nach Voranmeldung jederzeit, auch in der Winterpause, möglich.

Weitere Infos bekommt ihr hier 0152-37805636 und online:

https://niederrhein-tourismus.de/auszeit/beecker-erlebnismuseen

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Über mich

Ich bin Nicole, freie Journalistin, waschechte Niederrheinerin und ganz verliebt in meine Heimat!

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