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Stadt und Festung Wesel: Neue Ausstellung in beeindruckender Kulisse

05.11.2021

Wart ihr schon mal im LVR-Niederrheinmuseum Wesel oder wisst ihr, was das Stadtarchiv Wesel so macht? Dann habt ihr jetzt die perfekte Gelegenheit eine gelungene Kooperation beider „Häuser“ zu erleben. Noch bis zum 5. Dezember könnt ihr nicht nur im Museum, sondern auch in den angrenzenden, städtischen Brisürenkasematten die neue Ausstellung „Stadt und Festung Wesel in Mittelalter und Neuzeit“ erleben. Was meine Highlights sind und was das British Museum in London oder das Schloss Versailles in Frankreich mit dem Festungsbau Wesel zu tun haben, verrate ich euch in meinem Blogbeitrag.

 

Schon oft bin ich am LVR-Niederrheinmuseum Wesel vorbeigefahren und habe mich schon auf den Tag gefreut, an dem ich hier mal zu Besuch sein darf und genau heute ist dieser Tag. Verabredet sind wir mit dem Stadtarchivar Dr. Heiko Suhr und treffen uns direkt an den historischen Gemäuern des Stadtarchivs, der Schatzkammer und das Gedächtnis der Weseler Bürgerschaft. Seit 2003 befindet sich das Stadtarchiv in der ehemaligen Garnisonsbäckerei No. II von 1809 und ist damit ein Teil der Zitadelle in Wesel, die als eine der größten derartigen Festungsanlagen im Rheinland gilt. Und genau um das Thema Festung geht es auch in der aktuellen Ausstellung.

 

 

Exklusive Führungen & mehr

„Wir haben heute morgen die besondere Gelegenheit, das Museum ganz für uns alleine zu haben. Um 11 Uhr wird das normalerweise erst geöffnet. Das ist auch für mich gerade wie ein bisschen in dem Film „Nachts im Museum“, lacht Heiko, der uns direkt ins LVR Niederrheinmuseum Wesel führt. Er ist übrigens seit März 2019 als Historiker ein Teil des Stadtarchiv-Teams, kommt gebürtig aus Ostfriesland und ist von seiner neuen Heimat mehr als begeistert.

Wir gehen durch den Hintereingang ins Museum und ein paar Abkürzungen und ersten Eindrücken von dem Museum weiter, geht es direkt ins Herz der neuen Ausstellung „Stadt und Festung Wesel in Mittelalter und Neuzeit“ unter dem Haupteingang. Hier beginnt auch unsere Führung, die ihr im Übrigen auch wahrnehmen könnt. Im Rahmen der Ausstellung gibt es sogar noch weitere buchbare Programmpunkte:


  • Samstag, 20. November, 13.30 Uhr: Exkursion „Spätmittelalterliche Landwehren und ihre Geschichte“ mit Peter Bruns, Bürgerhalle Flüren, Flürener Weg 146, Wesel-Flüren, Dauer ca. drei Stunden
  • Donnerstag, 25. November, 19 Uhr: Vortrag „Die Weseler Zitadelle. Zentrum der preußischen Festung“ von Josef Vogt, Brisürenkasematte im LVR-Niederrheinmuseum Wesel
  • Freitag, 3. Dezember, 15 Uhr: kostenlose, öffentliche Führung durch die Ausstellung, LVR-Niederrheinmuseum Wesel

Und wo ich einmal dabei bin… an jeden ersten Freitag im Monat gibt es im LVR-Niederrheinmuseum Wesel freien Eintritt. Also heute, am 5. November, und am 3. Dezember wieder. An beiden Tagen könnt ihr auch die besagte Sonderausstellung noch sehen, auf die ich mich gleich sehr freue. Auch am Sonntag, 7. November, ist im Rahmen des offenen Museumtages der Region Lippe-Issel-Niederrhein im LVR-Niederrheinmuseum Wesel der Eintritt frei und von 11 bis 17 Uhr geöffnet.

 

 

Zwei Jahre von der Idee bis zur Ausstellung

„Wir beginnen am besten mit dem chronologischen Teil der Ausstellung und mit den verschiedenen Phasen des Festungsbaus“, beginnt Heiko und verrät direkt, dass seine Kollegin und Kunsthistorikerin Dr. Barbara Rinn-Kupka, die auch Leiterin des Deichdorfmuseum Bislich ist, gleich dazukommt. Sie erzählt mehr über den systematischen Teil der Ausstellung, also wie eine Festung gebaut wird, was das Ganze gekostet hat und die Vor- und Nachteile für die Bürger damals. Insgesamt soll die Ausstellung zeigen, wie sehr die Festung Wesel und auch Europa geprägt hat und – Achtung Spoiler: Das schafft sie auch!

Die erste Idee zu dieser besonderen Ausstellung entstand übrigens vor zwei Jahren und bestand aus sehr viel Recherchearbeit. Der eigentliche Ausstellungsaufbau dauert nur knapp drei Monate. Parallel zur Ausstellung ist auch ein 160-seitiges Buch erschienen, was ihr im Buch-Shop vom Stadtarchiv, im Museum selber oder auch bei den Weseler Buchhändlern bekommt.

„Man muss sich allein den Dimensionen damals bewusst werden. Die Weseler Festungsanlage, die nicht aus Mauern, sondern aus Erde bestand, war elf Meter hoch und die Gräben 30 Meter breit. Wie aufwändig das damals war, diese zu errichten und was das für Herausforderungen mit sich brachte, das beeindruckt mich immer wieder“, betont Heiko. Wie die Festungsanlagen in den verschiedenen Zeiten aussahen, sehen wir uns jetzt an diversen Entwürfen und Zeichnungen an.

 

 

Von London bis Stockholm

„Die Ausstellung beinhaltet einige Pläne rund um den Festungsbau. Das Interessante: Es gibt sicherlich den ein oder anderen Plan, der dazu diente, potentielle Feinde zu verwirren, welche das sind, bleibt wohl immer ein Geheimnis“, lacht Heiko und geht weiter den Gang entlang. „Ich zeig euch am besten mal meine persönlichen Highlights, wie da vorne die original Zeichnung von Abraham Jansz. Begheyn, eine Leihgabe vom Museum Kurhaus Kleve“. Dabei zeigt er auf ein riesiges, längliches Bild, das Aufschluss über die frühere Stadt Wesel gibt. „Hier sehen wir Wesel von Südosten und natürlich auch die Festung und das alte Dämmer Tor.“

Direkt schräg gegenüber befindet sich eine 9er-Serie eines unbekannten Künstlers von ca. 1614. “Diese digitalisierten Zeichnungen stammen im Original von der Staatsbibliothek Berlin“, erklärt Heiko. „Die Ausstellung zu konzipieren, hatte auch etwas von Detektivarbeit und wir haben bei verschiedenen Museen und Bibliotheken nach alten Plänen und Zeichnungen Wesels angefragt. Wir haben sogar Pläne aus dem britischen Museum in London da vorne und hier ist auch ein besonders schönes Exemplar aus Stockholm. Der Plan aus der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts zeigt die Festung mit den 1614 vorhandenen sechs Bastionen sowie vier bislang nicht gebauten Bastionen, was den Vorstellungen des berühmten Baumeisters für Festungen Johann von Pasqualini entsprach. Vielleicht beruhten diese Zeichnungen sogar auf dem Original-Plan des berühmten Baumeisters.“

 

 

Wesel unter Besetzung

Dann kommt auch schon Dr. Barbara Rinn-Kupka um die Ecke und begleitet uns ein Stück durch den weiteren Ausstellungsteil zur chronologischen Festungsbauzeit.

Den erste Nachweis von befestigten Bauten gab es übrigens 1278, bis 1614 entstand die Festung Wesel unter städtischer Regie, dann wurde Wesel erst von den Spaniern, dann von den Niederländern und am Ende von den Franzosen besetzt. Die Weseler konnten zu dieser Zeit nichts selbst bestimmen und wurden zum „Spielball der Mächte“, wie ein Teil der Ausstellung genannt wird. Ab 1614 war der Festungsbau also fremdbestimmt, 1629 befreiten die Niederländer Wesel von den Spaniern und 1672 kamen die Franzosen an die Macht.

„Es gibt übrigens im Spiegelsaal von Schloss Versailles eine Verbindung zu Wesel. Ludwig der XIV. hat im Spiegelsaal an die Decke ein riesiges Gemälde malen lassen und in einer Szene ist die niedergerungene Germania zu sehen, die unter ihren Füßen einen Festungsbauplan von Wesel hält“, ergänzt Barbara.

Erst 1679 mit der brandenburgisch-preußischen Zeit begann der Ausbau Wesels zu modernen Festung nach französischem und niederländischem Vorbild. Der Bau der Zitadelle begann und dauerte bis 1718. Der Festungsbau stand aber immer mal wieder vor dem Verfall, wurde dann wieder aufgebaut und wieder vernachlässigt, wie eine Wellenbewegung.

Die Verteidigungsfähigkeit zu erhalten, war oft auch kostspielig und mit dem Einsatz vieler Soldaten verbunden.

Mehr zur Chronologie des Weseler Festungsbaues und was euch sonst noch erwartet, verrate ich euch an dieser Stelle nicht, dass dürft ihr alles bei einem Rundgang durch die Ausstellung selbst entdecken. 😉

 

 

Wichtige „Geräte“ im Fokus

Wir befinden uns übrigens schon die ganze Zeit in einem der Weseler Festungsgebäuden. Schön, dass diese nach all den Jahren nicht nur historisch bewahrt wurden, sondern auch heute eine kulturelle Nutzung erfahren. „Hier wird gelebt“ ist da wohl das schönste Kompliment, dass man einem ehemaligen Festungsgebäude machen kann, ergänzt Heiko auf dem Weg zum zweiten Bereich der Ausstellung.

Bevor wir dazu den städtischen Teil, die Brisürenkasematten, betreten, sehen wir uns im „Zwischengang“ um, der diese beiden Ausstellungsbereiche miteinander verbindet. Entdecken könnt ihr hier Dinge, die früher zur Vermessung und zum Zeichnen dienten, um Festungen & Co. zu bauen. „Das da vorne ist mein Lieblingsstück, ein verzierter Zirkel eines Werkmeisters, der wahrscheinlich im 17. Jahrhundert entstanden ist“, zeigt Barbara auf diesen. „Da sieht man, dass gewisse Alltagsgegenstände schon eine besondere Bedeutung hatten.“ Das und noch viele weitere Gegenstände stammen übrigens als Leihgabe von einer privaten Sammlung aus Marburg, aber auch vom Museum Zitadelle Jülich. Kleiner Tipp: Schaut mal im mittleren Glaskasten durch den goldenen Graphometer, der um 1810 zur Vermessung diente. Was ihr dadurch seht, könnt ihr selber herausfinden. 😉

 

 

Die Brisürenkasematten

Vorbei an einer Uniform eines „Sappeurs“ der französischen Linien-Infanterie, der mit seiner Mannschaft die Aufgabe hatte, Lager- und Festungsbauwerke auszuführen, und an seinem „Arbeitsgerät“, ein Hahnenkopfsäbel, geht es direkt in die Brisürenkasematte. Diese wurde erst im Sommer nach aufwändiger Sanierung wiedereröffnet und dient heute nicht nur als Ausstellungsfläche, sondern auch als Trauzimmer und als Vortragsraum. „Beides wird schon fleißig genutzt, weil der Bereich hier auch mit den offenen Steinen und der neuen Beleuchtung einen ganz besonderen Charme hat“, ergänzt Heiko.

Keine zwei Schritte weiter, machen wir an einem Bild den ersten Stopp. „Das ist das einzige Ölgemälde, das alle Gewerke des Festungsbaus von der Vermessung bis hin zum eigentlichen Bau und den Transport zeigt“, erklärt Barbara. „Die zu sehende Szene stammt zwar nicht aus Wesel, aber aus Düsseldorf. Es handelt sich übrigens nicht um das Original, das nur etwa 60 x 30 cm groß ist, sondern um eine stark vergrößerte Reproduktion. So erkennt man auch alle Gewerke perfekt.“

 

 

Gleich um die Ecke finden sich detaillierte Zeichnungen vom Festungsbau, weitere Pläne, alte Finanzbücher und auch einer der ältesten Stücke, eine Urkunde von 1278, die besagt, dass die Stadt Wesel vom Grafen von Kleve das Recht hat, zum Bau der Stadtbefestigung eine Steuer zu erheben. „Es gab Zeiten, da wurde sogar 5 x im Jahr eine Steuer für den Festungsbau erhoben, die jeder Weseler tragen musste. Hatte er kein Geld, konnte er mit körperlichem Einsatz bezahlen“, ergänzt Heiko. Heute natürlich undenkbar, aber früher ein gängiges Modell. Es gibt hier noch viel mehr zu erkunden und auch in diesem Ausstellungsbereich wieder ein Tipp von mir: Schaut euch auch die Zitate an den Wänden von den Weseler Bürgern und Reisenden, die nach Wesel kamen, mal an.

Gut zu wissen

Wenn ihr noch mehr über die Besonderheiten des Weseler Festungsbau und mehr über den hohen Stellenwert von Wesel in Europa erfahren wollt, dürft ihr die Ausstellung nicht verpassen. Bis zum 5. Dezember könnt ihr diese und das komplette LVR-Niederrheinmuseum Wesel dienstags bis sonntags von 11 bis 17 Uhr zum Eintrittspreis von 4,50 Euro pro Person erleben. Und denkt an den freien Eintritt heute, am 5. November, und am 3. Dezember, wie am Anfang schon verraten.

Last but not least: Ihr kennt doch auch den Spruch ‚Du hast Torschlusspanik‘, der kommt auch aus dem Festungsbau. Abends musste man sich beeilen, um schnell noch in die Stadt zu kommen, bevor die Tore der Festung geschlossen wurden. Habt ihr das gewusst?

Mehr über das LVR Niederrheinmuseum Wesel erfahrt ihr übrigens hier.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Über mich

Ich bin Nicole, freie Journalistin, waschechte Niederrheinerin und ganz verliebt in meine Heimat!

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