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Neue Highlights im Niederrheinischen Freilichtmuseum

18.09.2020

In einem meiner ersten Blogbeiträge über das Niederrheinische Freilichtmuseum habe ich euch ja schon verraten, dass dieser besondere Ort in Grefrath zu einem meiner absoluten Lieblingsplätze am Niederrhein gehört. Denn hier wird Geschichte auf eine ganz spezielle Art und Weise lebendig gemacht, so als ob man Teil des damaligen Lebens am Niederrhein wäre. Heute darf ich aber nicht nur wieder auf eine kleine Zeitreise gehen, bei der ich auch ein paar historischen „Figuren“ begegne, sondern auch eine neue Ausstellung besuchen…

 

Als wir im Freilichtmuseum ankommen und den Eingangsbereich betreten, riecht es herrlich nach frischem Brot, dass der Bäcker gerade in ein Regal an der Museumskasse einräumt. „Ihr kommt genau richtig“, begrüßt uns Museumspädagoge Kevin Gröwig, der meinen Fotograf Malte und mich schon bei meinem ersten Besuch hier begleitet hat. „In den Sommermonaten wird in der Hofanlage Rasseln der Ofen im historischen Backhaus angeheizt. Und jeden Mittwoch, also heute, wird dort dann Steinofenbrot gebacken und ab 12 Uhr verkauft.“ Ich liebe frisches Brot und fühle mich dann direkt immer in meine Kindheit zurückversetzt, denn meine Eltern hatten auch früher eine Bäckerei und der Geruch von frischen Backwaren hat mich morgens immer geweckt. Also, auf dem Rückweg muss ich definitiv ein Steinofenbrot mitnehmen.

„Bevor wir starten, hol ich schnell noch etwas“, ruft uns Kevin zu und einen kurzen Augenblick später hat er einen kleinen Türanhänger mit der Aufschrift „Picke Packe Voll – Bitte warten Sie draußen“ in der Hand. „Den setzen wir aktuell zu Corona-Zeiten überall dort ein, wo es verwinkelte Bereiche im Museum gibt und man nicht einsehen kann, wie viele Besucher sich dort aufhalten. Hängt das Schild außen neben der Tür, weiß jeder, dass er einen Moment warten muss, bis die Räumlichkeit wieder frei ist.“ Eine gute Idee einfach und praktisch umgesetzt. „Die Besucher sind froh, wieder zu uns kommen zu dürfen und da nehmen sie kleine Hürden wie den Mundnasenschutz und das Platzieren des Schildes gerne in Kauf“, erzählt uns Kevin weiter.

Bauer Peter und sein Museumsacker

Auf dem Weg zu unserem ersten Stopp, dem Museumsacker, begegnen wir Ehrenamtler Thomas Rödel, der als preußischer Brandmeister in historischer Bekleidung die Besucher begrüßt und es so schafft, dass ich mich direkt in diese damalige Zeit hineingezogen fühle. „Genau das ist auch unser Ziel. Wir wollen als Familienmuseum auf eine ganz andere Art und Weise Historie lebendig machen und unseren Besuchern zeigen, wie das damalige Leben am Niederrhein tatsächlich aussah“, ergänzt Kevin. Kaum hat Kevin seinen Satz beendet, treffen wir auch schon auf die nächste historische „Figur“. „Das ist unser Bauer Peter Hormann, er ist hier für alles zuständig, was mit Landwirtschaft zu tun hat. Gerade ist er dabei mit der Sichte und einem Mahdhaken den Hafer auf unserem Museumsacker zu ernten“, stellt mir Kevin Peter vor. Sieht anstrengend aus, ich bin aber gleichzeitig fasziniert, wie routiniert das Peter macht, der mir weiter erklärt, dass es früher noch einen Binder gab, der nach dem Mähen das Getreide zusammengebunden und dann auf das Feld gestellt hat.

Die wichtigste Kulturpflanze des Niederrheins: der Flachs

„Bei uns wachsen aber nicht nur verschiedene Getreidesorten, sondern auch andere typische Pflanzen vom Niederrhein wie Futterrüben und Flachs“, erklärt uns Kevin weiter. „Heute werden in erster Linie nur noch Zuckerrüben angebaut, Futterrüben nur noch selten. Wir verwenden sie für unsere Pferde und früher hat man sie auch genutzt, um zu Sankt Martin daraus Laternen zu basteln. Aber der wichtigste Wirtschaftsfaktor für viele Niederrheiner damals war tatsächlich der Flachsanbau.“ Und den Flachs darf ich selber mal „raufen“, wie der Fachbegriff für das Ernten des Flaches richtig heißt. Wichtig dabei, erklärt mir Kevin, dass die Wurzeln noch unten dran sind und mitherausgerissen werden. Das krieg ich hin und bemerke noch eine einzelne blaue Blüte. „Flachs wird am 100. Tag des Jahres gesät, also im April. Seine Blüten und zeigt er im Sommer in ihrer ganzen Pracht besonders gerne morgens. Wenn man dann mittags zu dieser Zeit vorbeischaut, ist das Schauspiel schon wieder vorbei. Es lohnt sich also dann auch, mal morgens dem Freilichtmuseum einen Besuch abzustatten“, empfiehlt Kevin.

Um etwas mehr über das Thema Flachs als wichtigste Kulturpflanze des Niederrheins zu erfahren, gehen wir als nächstes zur Flachsdarre, einem historischen Gebäude, das damals zum Trocknen des Flachs verwendet wurde. Diese zeigt nicht nur die verschiedenen Arbeitsschritte und Werkzeuge, sondern auch die einzelnen Stadien vom puren Flachs bis hin den Fasern, die dann gesponnen und zu Leinenstoff gewebt werden. Erstaunlich, wie man aus einer Pflanze ein schönes Kleidungsstück herstellt, dass uns auch heute noch vor allen Dingen im Sommer oft begleitet. Direkt nebenan gibt es noch eine Handweberei, Spinnrad & Co., die die Verarbeitung des Flachs zeigt. „Oft haben wir hier die Handweberin Silke Heks zu Besuch, der man bei der Arbeit über die Schulter schauen kann. Ihre Werke kann man dann auch käuflich erwerben“, erzählt Kevin weiter. „Die Miertz-Kate, die wir uns beim letzten Mal angeschaut haben, rundet übrigens das Thema Flachs ab. Dort zeigen wir, unter  welchen Umständen er damals auf dem Land verarbeitet wurde.“

Neue Ausstellung: Volksfrömmigkeit & Aberglaube

Unser nächster Stopp ist die neue Sonderausstellung zum Thema Frömmigkeit und Aberglaube, die erst vor kurzem eröffnet wurde und auf die ich schon sehr gespannt bin. „An dieser Ausstellung haben wir über ein Jahr gearbeitet und zeigen hier, wie Menschen ihren Glauben gelebt und gefeiert haben. Die komplette Ausstellung ist handlungsorientiert, man kann aktiv an vielen Modulen drehen oder sich auch Dinge anhören. Und für die Kinder haben wir überall auch kindgerechte Texte, Illustrationen und Spiele integriert.“

In einem der Räume entdecke ich sogar die eben erwähnte Rübenlaterne und ein weiteres Exponat fällt mir ins Auge – eine Kerze der heiligen Corona. Corona? Ich hatte, wie ihr jetzt wahrscheinlich auch, erstmal ein paar Fragezeichen im Gesicht, von denen mich Kevin aber direkt erlöst. „Früher war die heilige Corona vor allem die Patronin in Geldangelegenheiten. Sie gilt aber teilweise auch als Patronin bei Seuchengefahr, was seit Covid-19 natürlich besondere Beachtung findet.“ iDas war mir definitiv neu. Auch mein nächstes Ausstellungs-Highlight lässt mich irritiert schmunzeln. Habt ihr schon mal von einem eRosary gehört? Das ist ein digitaler Rosenkranz nach dem Motto „Click to pray“, der u.a. die Gebete mitzählt und, haltet euch fest, sogar als Fitnesstracker dient. Verrückt!

Neben der Frömmigkeit wird hier aber auch das Thema Aberglaube näher beleuchtet, u.a. geht es auch um die Hexenverfolgung am Niederrhein, die hier an Einzelschicksalen thematisiert wird. Etwas schönere Themen warten dann in der ersten Etage auf euch – Weihnachten und Ostern. Besonders interessant finde ich dabei die Darstellung des typischen Essens zu diesen Feiertagen am Niederrhein. Und was denkt ihr, welches Gericht ist bis heute beliebt zu Weihnachten? Richtig! Kartoffelsalat mit Würstchen. Aber habt ihr zu Ostern schon mal von der wirklich sehr grünen Gründonnerstagssuppe gehört? Bis zu 12 Kräuter werden hier verwendet.

Vegane Ochsenherzen

Um noch nicht mehr Hunger zu bekommen, machen wir uns auf dem Weg ins Spielzeugmuseum. „Bevor wir in die Welt des Spielens abtauchen, muss ich euch noch etwas zeigen – unser Bauerngarten, für den wir an unsere Besucher Patenschaften vergeben. Zehn Einheiten haben wir aktuell, in denen vor allen Dingen alte Sorten angebaut werden“, zeigt uns Kevin den abgeteilten, kleinen Bereich. „Hier vorne wächst die Tomatensorte „Ochsenherz“, die eigentlich eher aussieht wie eine Melone“, lacht Kevin „und dort, wo es so wild aussieht, haben wir zwei Anzuchtbeete für unser Ackerwildkrautprojekt, die zeigen, wie Felder früher ausgesehen haben.“ Hier gibt es so viel zu entdecken, ich bin jedes Mal wieder überrascht und kommen immer wieder gerne hierher! „Wir haben übrigens auch Nachwuchs bekommen. Dieses Jahr ist Antonia geboren, unsere dritte Pferdedame“, erzählt uns Kevin noch, als wir kurz vor dem Spielzeugmuseum die Pferdewiese passieren.

Eines meiner Highlights: das Spielzeugmuseum

Jetzt geht es ins angenehm temperierte Spielzeugmuseum. Auch hier durfte ich mich schon mal umschauen und war begeistert, wie viele alte Spielzeuge mich an meine eigene Kindheit erinnert haben. „Unser Spielzeugmuseum haben wir vor ein paar Jahren neu gestaltet und in verschiedene Bereiche des Spiels aufgeteilt – Glücks-, Rollen-, Wettkampfspiele und noch vieles mehr. So befinden sich neben altem auch neueres Spielzeug“, erklärt uns Kevin das Konzept.

Mit als erstes fallen mir wieder die schönen Puppenhäuser auf, von denen ich früher natürlich auch eins hatte und das von meinem Opa gebaut wurde. „Schön, dass du das sagst, früher war es tatsächlich so, dass ein Familienmitglied so ein Puppenhaus gebaut hat und dann mit gekauften, zeitgenössischen kleinen Möbeln eingerichtet hat.“ Auch einen alten Tante-Emma-Laden, mit dem ich als Kind auch gerne gespielt habe, entdecke ich hier neben einem Supermarkt mit Kasse von Playmobil. Natürlich dürfen auch Barbie und Ken nicht fehlen, die mir auch sehr bekannt vorkommen und sogar die Kleidung hatte mein Ken auch. Besonders lustig finde ich, dass es sogar Rollenspiele gab mit dem Namen „Hausmütterchen“ und „Elektromann“, heute Gottseidank nicht mehr zeitgemäß. Etwas gruselig, zumindest für mich, wird es erst in der Abteilung Spielzeugproduktion bei den Puppen. Kennt ihr diese Schelmenaugen, die Puppen früher hatten? Die Augen verfolgen einen und erinnern mich irgendwie an einen Horrorfilm.

„Ganz oben haben wir noch eine große Modelleisenbahn, die leider aufgrund der aktuellen Corona-Schutzverordnungen geschlossen ist, aber die würde ich euch auch gerne noch zeigen“, lädt uns Kevin in den letzten Raum des Museums ein.  Als das Licht angeht, staune ich nicht schlecht. So viel Liebe zum Detail und so viel Anzuschauen – Wahnsinn. Sobald sie wieder vorgeführt wird, müsst ihr euch das anschauen. Man sieht auf jedem Zentimeter, wieviel Arbeit hier drinsteckt und besonders krass finde ich die ganze Technik und Kabeln, die nötig sind, um alles in Gang zu bringen. Hier leuchten nicht nur Kinderaugen, das verspreche ich euch. 😉

Gut zu wissen

Wenn ihr das Niederrheinische Freilichtmuseum auch einmal besuchen wollt, könnt ihr das täglich außer montags tun. Geöffnet ist im April bis Oktober von 10 bis 18 Uhr und im November bis März von 10 bis 16 Uhr. Der Eintritt kostet für Erwachsene 4,50 Euro und Kinder von 6 bis 17 Jahren zahlen nur 1,50 Euro. Am Wochenende haben Kinder freien Eintritt. Oder nutzt einfach die Abendkarte ab 60 Minuten vor Schließung für nur zwei Euro oder die Jahreskarte für 15 Euro pro Person.

Noch ein Tipp

Unbedingt die kostenlose Museumsapp runterladen und einfach den Entdeckermodus der App nutzen, um sich interessante Objekte und Orte in eurer Nähe anzeigen lassen. Die Museumsapp ist unter dem Titel Freilichtmuseum Niederrhein für Android- und iOS-Geräte kostenlos in den entsprechenden App-Stores erhältlich. Ist die App einmal mit allen Inhalten auf dem Endgerät installiert, ist kein aktiver Internetzugang mehr notwendig.

Mehr Infos gibt es wieder hier:

https://niederrhein-tourismus.de/museen/niederrheinisches-freilichtmuseum-2

 

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Über mich

Ich bin Nicole, freie Journalistin, waschechte Niederrheinerin und ganz verliebt in meine Heimat!

Ich möchte euch mit zu meinen Lieblingsplätzen nehmen, Menschen und Unternehmen vorstellen, die den Niederrhein ausmachen, von tollen Events berichten, euch interessante Insider-Tipps in Sachen Shopping, Restaurants & Co. geben und noch vieles mehr – ihr dürft gespannt sein!

Ich freue mich, wenn ihr mich auf meiner Reise durch den Niederrhein begleitet!

 

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