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Flanieren durch die historischen Ortskerne am Niederrhein – Teil 1

04.03.2022

So langsam zieht der Frühling ins Land – höchste Zeit, den Niederrhein weiter zu entdecken. Wie wäre es mit einem kleinen Spaziergang durch die historischen Ortskerne? Man erfährt mehr über die Geschichte der Städte und kann seinen Besuch mit einem kleinen Shopping-Trip oder mit einem leckeren Essen der örtlichen Gastronomie verbinden. In meinem ersten Teil entführe ich euch nach Wassenberg, Kempen, Kalkar und Wesel. Ihr dürft auf jeden Fall gespannt sein…

 

 

Kreis Heinsberg

Wassenberg

Einer der Dreh- und Angelpunkte in Wassenberg ist das Roßtor bzw. der Roßtorplatz. Hier findet u.a. der Abendmarkt an jedem ersten Freitag in den Monaten April bis Oktober von 17 bis 21 Uhr statt oder der Schlemmermarkt, der vom 4. bis zum 7. August seine Pforten öffnet. Hättet ihr gewusst, dass von den ehemals drei Stadttoren nur noch das Roßtor bis heute erhalten ist und sich davor damals ein Wassergraben befand? Der Name stammt übrigens von der Rossmühle, die sich im 15. Jahrhundert innerhalb der Stadtmauer in der Höhe des heutigen Roßtores befand. Diese wurde einst mit Pferdekraft angetrieben und sicherte im Notfall bei Belagerung die Versorgung der Stadt.

Mein Tipp hier: Stattet der „Brauerei Am Roßtor“ einen Besuch ab. Diese wurde als Familienunternehmen 2014 gegründet und tatsächlich könnt ihr hier das einzige Bier kaufen, das in Wassenberg gebraut wird. Egal, ob das Rossberger Landbier, die Sorten Rossberger Pale Ale, der Rossberger Bock oder das Rossberger Sunshine – nur sorgfältig ausgesuchte Zutaten werden verwendet. Wer mag, kann sogar noch einen Brauereibesichtigung oder einen Braukurs buchen.

Wassenberg gehört übrigens zu den wenigen Städten, die einen „Berg“ besitzen, der von einer Burg gekrönt wird. Das Herzstück der Stadt – der Bergfried – ist einer von nur drei Höhenburgen am Niederrhein. Die erhaltenen Teile der Höhenburg innerhalb der Stadtmauern stammen fast alle aus dem Jahr 1420, war der nördlichste Punkt der Stadtbefestigung und gleichzeitig Wohnsitz der Wassenberger Amtmänner und Vögte. Die Burg Wassenberg ist heute ein Hotel und Restaurant, in dem ihr euch nach eurem Spaziergang stärken könnt.

Wer mehr über die Geschichte Wassenbergs erfahren will, kann auch auf die virtuelle Zeitreise „Wassenberg Anno 1420“ mit Ritter Gerhard gehen. An sechs Stationen berichtet er Wissenswertes rund um die Stadtgeschichte von Wassenberg. Alles, was ihr braucht ist die App „WassenbergAR“, die ihr euch im App- oder Play Store runterladen könnt, und jeweils einen Aktivierungs-Pin-Code: Für den Bergfried ist das die 1420, für die Burg 1020, für den Verlorenenturm die 1365, für das Roßtor die 1426, für den Roßtorplatz die 1785 und für die Münzer-Tafel die 1372.

Ihr wollt mehr erfahren. Hier geht es weiter.

 

 

Kreis Viersen

Kempen

Dass ich ein Fan von der Thomasstadt Kempen bin, habe ich euch ja schon verraten. Eine meiner lieben Freundinnen wohnt mit ihrem Mann dort und ich nutze bei einem Besuch auch immer die Gelegenheit durch die Stadt zu flanieren. Dabei liebe ich es, nicht nur in den süßen inhabergeführten Läden zu shoppen, sondern auch die historische Seite der Stadt näher kennenzulernen.

Allen voran ist da natürlich die imposante Burg Kempen – die Kurkölnische Landesburg, ein zweigeschossiger, abgewinkelter neugotischer Backsteinbau mit umlaufendem Spitzbogenfries, drei runden Ecktürmen und einem schlanken Torturm. Errichtet wurde diese von 1396 bis 1400 als Symbol für die Herrschaft des Kölner Erzbischofs Friedrich von Saarwerden. Sein Kreuz-Wappen ist heute noch über den Eingang sichtbar. 1634 zum wohnlichen Schloss umgebaut, brannte dieses 1851 bis auf die Umfassungsmauern nieder. Nach dem Wiederaufbau diente die Burg Kempen bis 1925 als Gymnasium und bis 1984 als Sitz der Kreisverwaltung, Kreis- und Stadtarchiv. Wenn ihr mögt, könnt ihr auch eine einstündige Burgturmbesteigung über die Stadt Kempen buchen. Ihr startet mit dem Stadtführer an dem mittelalterlichen Stadtmodell im Kulturforum Franziskanerkloster, geht dann zur Burg und absolviert dort den etwas beengten Aufstieg. Final werdet ihr mit einem unvergesslichen Ausblick belohnt.

Geht ihr von hier aus weiter in die Altstadt, steuert ihr unweigerlich auf den Buttermarkt zu. Hier findet nicht nur dienstags und freitags der Wochenmarkt von 7 bis 13 Uhr statt, sondern auch der traditionelle „Markt der Sterne“ an den Adventswochenenden und viele weitere tolle Veranstaltungen wie etwa der Handwerkermarkt. Vor 1970 hieß er übrigens nur „Markt“, aber in ihm manifestieren sich die Stadt- und Marktrechte seit dem Mittelalter. Der Buttermarkt ist wesentliches Element der Stadtentwicklung und jede Gebäudegruppe repräsentiert eine Epoche dieser. Beispielsweise seht ihr am Eingang zur Kuhstraße ein großbürgerliches Ziegelhaus mit barocken Volutengiebel aus dem 17. Jahrhundert. Was am Buttermarkt noch besonders ist? Cafés, Bistros und Restaurants tummeln sich hier, genauso wie das einzige Kino in der Region – die Kempener Lichtspiele.

Ein besonders schönes Stück Historie und das schönste Fachwerkhaus Kempens in unmittelbarer Nähe zum Buttermarkt ist das „et kemp’sche huus“. Hier kann man heute im historischen Ambiente bei Willi Hirschmann und seiner Partnerin Brigitte Adams nach Herzenslust schlemmen. Vor 400 Jahren war das kemp’sche huus als Haus Pielen bekannt und stand 50 Meter vom jetzigen Standort entfernt. Im Zuge der Altstadt-Sanierung baute man die Holzkonstruktion ab und zog 1979 zum neuen Platz. So konnte eines der markantesten Denkmäler der Altstadt gerettet werden. Also wenn ihr euch bei eurem Spaziergang durch die Altstadt stärken wollt, wisst ihr, wo ihr unbedingt hingehen solltet.

Mehr über Kempen gibt es auch hier.

 

 

Kreis Kleve

Kalkar

Wenn ihr Kalkar hört, denkt ihr wahrscheinlich direkt an das Wunderland Kalkar, das ich ja auch schon für euch besuchen durfte. Aber auch der historische Ortskern ist definitiv einen Besuch wert.

Allen voran der historische Marktplatz mit dem gotischen Rathaus. Der einheimische Baumeister Johann Wyrenberg plante den Bau des dreigeschossigen Rathauses und führte ihn von 1438 bis 1445/46 im Stil der Backsteingotik durch. Im Erdgeschoss befand sich damals eine Markthalle mit Tuch- und Fleischständen, darüber die Räume der Verwaltung und ein großer Saal. Das Dachgeschoss diente als Kornspeicher. Das Rathaus ist ohne Frage Ausdruck für den Wohlstand der Bürger, wurde bei einem Luftangriff 1945 stark zerstört und bis 1955 wieder aufgebaut.

Eine interessante Geschichte gibt es auch über die Linde vor dem Rathaus zu erzählen. Diese diente einst als Gerichtsstätte, denn die Linden galten als „Wahrbäume“ unter denen oft Recht gesprochen wurde. Unter der Gerichtslinde fanden damals tatsächlich Gerichtsverhandlungen statt, die aber etwas vom Marktplatz abgrenzt wurden. Mit der Zeit verlagerte sich dieser Gerichtstort allerdings bis in die Schöffenkammer des Rathauses.

Wenn ihr auf dem Marktplatz steht, schaut auch gerne mal nach oben und euch die hübsche Treppengiebelhäuser rundherum an. Natürlich gibt es hier auch Restaurants und Cafés, die ihr gerne besuchen könnt. Hinter dem Rathaus ist übrigens auch die Tourist-Information Kalkar, ebenfalls ein schickes, gotisches Backsteinhaus mit Treppengiebeln aus dem Jahr um 1400 und 1500.

Knapp 150 Meter hinter der Tourist-Information befindet sich die historische Stadtwindmühle. Aus dem Abbruchmaterial des ehemaligen Hanselaer Tor erbaut, ist sie mit  mehr als 27 Metern die höchste Mühle am Niederrhein. In der gewaltigen Mühle mit den acht Stockwerken wurde einst Eichenrinde zum Gerben von Leder und später Getreide gemahlen. Nach einem Anbau einer zweigeschossigen Scheune und einer aufwändigen Restaurierung durch den eigens gegründeten Mühlenverein, könnt ihr hier heute im Restaurant Brauhaus Kalkarer Mühle zum Beispiel eine niederrheinische Kaffeetafel genießen.

Mein letzter Tipp: Besucht auch die dreischiffige gotische St. Nicolai Kirche – eine weit und breit einzigartig ausgestattete mittelalterliche Bürgerkirche, die 1409 errichtet wurde. Zu bewundern gibt es hier zehn erhaltene mittelalterliche Altaraufbauten und allein der Hochaltar zählt 208 geschnitzte Eichenfiguren. Aber auch die u.a. 102 Gemälde, 75 geschnitzte Statuen und eine Schatzkammer mit alten Messgewändern sind mehr als beeindruckend.

Weitere Infos über Kalkar findet ihr hier.

Fotos: Stadt Kalkar

 

 

Kreis Wesel

Wesel

Auch die Stadt Wesel bietet greifbare Historie im Ortskern und kann mit Stolz auf ein deutschlandweit einmaliges Projekt zurückblicken – die Wiederherstellung der spätgotisch-flämischen Rathausfassade von 1455 auf dem ältesten Platz der Hansestadt, am Großen Markt. Um die Schaufassade des 2. Weseler Rathauses zu rekonstruieren, kamen Spenden aus aller Welt, aus der Bevölkerung, der Stadt Wesel und dem Land NRW zusammen. Die Gesamtkosten betrugen 3,2 Millionen Euro. Durch diese Rekonstruktion wurde der Stadt seit 1241 eines der bedeutsamsten Stadtobjekte zurückgegeben. So steht das Rathaus als Symbol für die glanzvolle Hansezeit (ab 1407) und für die Stadtidentität Wesels. Enthüllt wurde die spätgotisch-flämische Rathausfassade im Herbst 2011.

Ein weiteres Highlight ist der Willibrordi-Dom, einer der größten und schönsten evangelischen Kirchen des Rheinlandes, die auch gleichzeitig Wesels Stadtkirche ist. Erbaut wurde die spätgotische Basilika mit fünf Kirchenschiffen von 1498 bis 1540. Von 781 bis 800 stand an der gleichen Stelle übrigens eine Fachwerkkirche, die immer wieder erweitert und vergrößert wurde. Heute gilt der Dom als „gute Stube“ der Stadt und viele Veranstaltungen wie Konzerte und Kunstausstellungen finden hier statt. Sowohl äußerlich als auch innerlich trägt der Dom viele Handschriften unterschiedlichster Künstler, wie etwa das große Westfenster in der Turmhalle von Vincenz Pieper aus dem Jahr 1968 oder das moderne Kunstwerk „Weseler Altar“ vom Stuttgarter Ben Willikens von 1996. Hier auf Entdeckungstour zu gehen, lohnt sich also.

Bemerkenswert ist aber auch die Zitadelle Wesel, einer der größten Festungsanlagen am Niederrhein, die 1688 bis 1722 nach Plänen von Johan de Corbin in Form eines fünfzackigen Sternes angelegt wurde. Befohlen wurde der Bau 1687 vom Großen Kurfürst Friedrich Wilhelm I., um die Befestigungsanlage in Wesel zu stärken. Der einstige Kern der Festung von Wesel ist heute die Musik- und Kunstschule, das Stadtarchiv mit Papierrestaurierungswerkstatt, das Städtische Museum Abteilung Schill Kasematte und das LVR-Niederrheinmuseum Wesel, das ich kürzlich auch besuchen durfte. Ein Stippvisite in dieses kann ich euch nur ans Herz legen. Hier wird die Geschichte Wesels lebendig und ihr könnt beispielsweise in das begehbare Panorama der Hansestadt im 16. Jahrhundert eintauchen. Was ich dort erlebt habe, könnt ihr hier nochmal nachlesen.

Mehr Infos über Wesel gesucht? Schaut mal hier rein.

Fotos: Wesel Tourismus / Jürgen Bosmann

 

 

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Über mich

Ich bin Nicole, freie Journalistin, waschechte Niederrheinerin und ganz verliebt in meine Heimat!

Ich möchte euch mit zu meinen Lieblingsplätzen nehmen, Menschen und Unternehmen vorstellen, die den Niederrhein ausmachen, von tollen Events berichten, euch interessante Insider-Tipps in Sachen Shopping, Restaurants & Co. geben und noch vieles mehr – ihr dürft gespannt sein!

Ich freue mich, wenn ihr mich auf meiner Reise durch den Niederrhein begleitet!

 

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